"Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
es müsse sich dabei doch auch was denken lassen."
(Goethe: Faust)

Medienkompetenz als Demokratieprojekt? (Rohfassung)

In dem Moment, in dem man über den Begriff "Gesellschaft" spricht, setzt man stillschweigend die Existenz von Kommunikation voraus, das Phänomen, durch Mitteilung das Zusammenleben zu koordinieren. Das ist der Grund, warum herrschende Instanzen gerne versuchen, die Art und den Inhalt der Kommunikation zu beeinflussen. Andrerseits ist das bewußte Auseinandersetzen mit den zu kommunizierenden Inhalten Voraussetzung für den Erhalt einer etablierten Gesellschaftsform. Kurz: Wer richtig kommunizieren kann, entscheidet über das Wohl und Wehe seines gesellschaftlichen Umfeldes. Üblicherweise werden dabei spezifische Inhalte von der Benutzung ausgeschlossen; sie werden nach dem polynesischen Begriff "das, was durch Kontakt profanisiert werden würde", Tabu, kategorisiert. Schränkt man die Kommunikation um solch ein Tabu ein, so reduziert man auch den gedanklichen Umgang damit. Das Tabu bezieht sich deswegen nicht auf das Phänomen selbst, sondern auf das hauptsächlich benutzte Kommunikationsmittel, über das Gedanken zu diesem Tabu ausgetauscht werden könnten. Solange es keine Schrift gab, war das Reden über bestimmte Themen tabu, nach der Entwicklung der Schrift waren es die Bücher. Mit dem Aufkommen moderner Medien wie dem Fernsehen übertrug sich das Verhalten auf die Ausstrahlung von Sendungen und, folgerichtig, nach der Entwicklung moderner Computernetze sind diese nun - speziell das Internet - das hiervon betroffene Medium.

Die Erforschung neuer Gebiete ist nun auf zweierlei Arten möglich, die in der Regel auch beide gleichzeitig von verschiedenen Gruppen betrieben wird. Die eine Möglichkeit ist, sich eine Karte zu zeichnen und die Möglichkeiten abzuschätzen, welche Wege man gehen könnte. Oftmals erschöpft sich diese Methode dann darin, ausschließlich auf so einer Karte zu reisen.

Die andere Methode besteht darin, sich einfach auf den Weg zu machen und Erfahrungen, schlechte wie gute, zu machen und daraus Konsequenzen zu ziehen. Der Umgang mit dem Thema "Internet" zeigt dies zur Zeit überdeutlich. Diejenigen, die Karten zeichnen und die daraus resultierenden Möglichkeiten überlegen, kommen häufig aus dem (Aus)bildungsbereich und aus der Politik. Die anderen experimentieren mit dem Medium, teilweise in unterhaltsamer, teilweise aber auch in ärgerlicher oder unerträglicher Art und Weise.

Die Qualität einer Gesellschaft besteht nun darin, wie sie (a) mit den Ergebnissen beider Forschergruppen umgeht und (b) wie sie deren Auswirkungen besteht. Eine Grundvoraussetzung dafür, daß eine Gesellschaft nicht durch die Einführung neuer Techniken in was auch immer zu sehr in Unruhe gerät, ist ein ausreichender Ausbildungsgrad der Bürger, der verhindert, daß sich Einzelne alleine von Eingebungen leiten lassen und überlegtes Vorgehen in einem gewissen Mindestmaße möglich wird.

Interessant wird das nun deswegen, weil - im Gegensatz zu anderen Phänomenen - der Gegenstand der Diskussion die Kommunikation selbst wird. In anderen Worten: Man hat sich darüber zu unterhalten, worüber und auf welche Weise man sich zu unterhalten hat (die Vielschichtigkeit dieser Aussage ist durchaus beabsichtigt).

Weder Philosophie noch Wissenschaft sind dabei frei von Modeerscheinungen, und deswegen findet man immer häufiger das Wort "Kompetenz" in jedem beliebigen Zusammenhang. Dabei ist nicht immer klar (oft nicht einmal denjenigen, die das Wort benutzen), was überhaupt gemeint ist. Inzwischen schießen Kompetenzzentren aus dem Boden, für jeden beliebigen Zweck, die Kompetenzen der Menschen selbst werden genauestens unter die Lupe genommen, so zum Beispiel die "Emotionale Kompetenz" (durch das Buch von Daniel Goleman), die "Soziale Kompetenz" und, nicht zuletzt, die "Medienkompetenz".

Wir - das Bürgernetz für Schleswig-Holstein e.V. - machten uns auf die Suche nach einem Begriffsinhalt für den Begriff "Medienkompetenz", natürlich auf angemessene Weise: nicht mehr in Bibliotheken, sondern, ganz bequem bei Kaffee und Kuchen, am heimischen Computerterminal und recherchierten los. Anscheinend waren wir medienmäßig nicht inkompetent, denn nach wenigen Sekunden hatten wir mehr als 500 Quellen gefunden, die sich mit dem Thema beschäftigten. Es dauerte allerdings ein paar Minuten länger, bis wir tatsächlich eine Quelle fanden, die nicht nur den Begriff benutzte, sondern auch erklärte [1]:

Information solle strukturiert, bewertet und verfügbar gemacht werden können und Suchstrategien sollen beherrscht werden, kurz:

Vergleicht man den technischen Entwicklungsstand der modernen Computernetze, so stehen wir kurz vor der Erfindung des Fließbandes und damit des Modells T von Ford (natürlich in schwarz). Wendet man die vom IPTS Kiel (und anderen) geforderten Eigenschaften für Medienkompetenz auf diese Erkenntnis an, so ergibt sich ein schiefes Bild. Denn die weltweiten Informationssysteme können noch gar nicht "gehandlet" werden, da sich diese selbst noch im Experimentalstadium befinden. Auch die Beschaffung gestaltet sich nur für solche Experten simpel, die eine gewisse Erfahrung, zum Beispiel in Volltextrecherche besitzen. Der letzte Punkt alleine, die Bewertung, setzt etwas völlig unmögliches voraus: Daß es eine objektive und allgemeingültige Bewertung von Information geben könnte. Information ist, im Gegensatz zu einer Nachricht (das ist das, was wirklich übertragen wird), das, was nach dem Empfangen einer Nachricht das Empfängergehirn interpretiert. Dabei wird im Kontext des Empfängers interpretiert; der ist wiederum individuell und damit kann ein und dieselbe Nachricht in jedem Empfängergehirn in eine von den anderen unterschiedliche Information interpretiert werden. Eine Bewertung ist also stets subjektiv und nur durch die allgemeine Lebenserfahrung steuerbar, man kann "Bewertung" nicht als spezielles Phänomen lernen.

Eine der wichtigeren Forderungen ist die politische Wirksamkeit des Internet als modernem Vertreter von Kommunikationsmedien. Viel wird erwartet von der Demokratisierung der Gesellschaft durch das Internet. Wenige realisieren, daß so etwas weniger durch die Einführung einer neuen Technik passieren kann. Zwar kann eine neue Technik durchaus einen politischen Vorgang erleichtern, sie ist aber nur eine notwendige, keine hinreichende Bedingung.

Unzählige Stellen beschäftigen sich inzwischen mit Medienkompetenz, die Intentionen sind dabei so verschieden wie die Autoren. So haben Politiker das Thema für sich gefunden, wie zum Beispiel Siegmar Mosdorf (SPD) in der 170. Sitzung des Bundestages vom 18.4.1997 [3], der Bundesminister Jürgen Rüttgers in einer Rede, Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl [5] oder Ministerpräsident Johannes Rau in einer Ansprache zur Eröffnungsveranstaltung der Landesinitiative MEDIA NRW [6]. Auch viele Organisationen und Firmen möchten daran partizipieren, indem sie Kurse oder Bücher zum Thema anbieten (diese Quellen hat der Leser als Übung selbst zu recherchieren), daneben gibt es aber auch Universitäten, die entweder dazu forschen [7] oder lehren [8].

Bemerkenswert ist die Tatsache, daß es darüber hinaus Bemühungen aus dem Medienbereich selbst gibt, die Medienkompetenz der Verbraucher zu unterstützen. Das klingt manchmal so, als ob ein Supermarkt Kurse im Markenerkennen anböte [9].

Der Anwender selbst steht heute nicht nur vor der neuen Technik, einer Flut neuer Nachrichtenquellen und zahlreichen unterschiedlichen Meinungen, sondern vor dem Problem, neue Selektionsmethoden zu entwickeln, was ihm traditionelle Medien bisher in hohem Maße abgenommen haben (statt "redaktionell gesichtet" könnte man auch "vorgekaut" dazu sagen).

Nun muß der Anwender selbst kauen. Vor allem das World Wide Web, eines der verbreitetsten Netze, die über das Internet verteilt werden, zeigt offenkundig, daß man, wenn man entsprechende Suchmethoden nicht beherrscht, von Nachrichten überflutet werden kann, ohne daß die Chance besteht, die daraus gewünschte Information zu extrahieren. Das kann einem Anwender, zumindest in diesem Stadium eines Experiments, noch nicht zugemutet werden. Es müssen Strukturen geschaffen werden, mit dessen Hilfe der Bürger, der eben nicht täglich mit Computern und Nachrichtennetzen umgeht, die Chance erhält, die für ihn interessanten Nachrichten zu filtern und für sich zu Information zu destillieren. Dies leisten Bürgernetze. Sie legen ihren Schwerpunkt weniger auf technische Ausrüstung oder das Bedienen von Computern, sondern sie führen Interessierte behutsam auf den Wissensstand, der nötig ist, um sich in dem modernen Nachrichtendschungel nicht verloren vorzukommen.

Bürgernetz für Schleswig-Holstein e.V., Kiel

Dialogadresse:
Bürgernetz für Schleswig-Holstein e.V.
Kieler Innovations- und Technologiezentrum
Schauenburgerstr. 116
D-24118 Kiel

WWW: http://www.bn-sh.de/
E-mail:  info@bn-sh.de



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Quellen:

[1] http://www.ipts.netuse.de/aufg4.htm, Landesinstitut Schleswig Holstein für Praxis und Theorie der Schule, Kiel
[2] http://server.lbw.bwue.de/kpadelu.htm, Reinhard Schäffner (alias //padeluun): Zuvielisation - Social Connectivity und Computernetze
[3] http://fitug.fitug.de/ulf/politik/iukdg-bt.html, Protokoll der 170. Sitzung des Deutschen Bundestages
[4] http://www.dtag.de/untern/g_zahl/g_bericht96/forum.htm, Rede von Bundesminister Jürgen Rüttgers im Geschäftsbericht der Deutschen Telekom AG, 1996
[5] http://www.hnf.de/PR/pr2.html, Rede des Bundeskanzlers zur Eröffnung des Heinrich-Nixdorf-Museums am 24. Oktober 1996 in Paderborn
[6] http://www.bmwi-info2000.de/gip/infos/reden/rau.html, Ansprache von Ministerpräsident Johannes Rau zur Eröffnungsveranstaltung der Landesinitiative MEDIA NRW am 24.3.1995 in Köln.
[7] http://www.uni-koeln.de/wiso-fak/szyperski/veroeffentlichungen/strukturdynamik.htm, Universität Köln
[8] http://www.unizh.ch/suz/foeg/nachdmk.htm, Universität Zürich
[9] http://www.wdr.de/tv/schulfernsehen/aktion.html, WDR Schulfernsehen 
In Gemeinschaftsarbeit erstellte Endfassung des Artikels...


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