1. Kapitel: Ein wenig Technik

"Grau, lieber Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum."
(Mephisto in Goethes Faust)

In welchem zunächst einmal der Begriff "Netz" auseinandergenommen wird und dann verschiedenen Zugangsmethoden zum Netz besprochen werden. Darüberhinaus erfährt der geneigte Leser, daß "Online" eigentlich nichts Neues, sondern ein furchtbar alter Hut ist und SLIP nichts mit Erotik zu tun hat.
 

Daß es sich beim Internet um ein Netz handelt, werden Sie schon gehört oder dem Namen entnommen haben. Was man sich aber unter einem Netz vorzustellen hat, das ist ein anderes Problem. Netze begegnen uns überall im Leben: Spinnennetz, Autobahnnetz, Stromnetz, Wasserleitungsnetz, Abwassernetz, Telefonnetz, es fallen einem laufend weitere Beispiele ein. Aber schon in dieser Liste befinden sich Exemplare von Netzen, die andere Netze als Basis benötigen. Wie das sein kann? Sehen wir uns das Telefonnetz an.


 
Abbildung 1-1: Das Telefonnetz ist ein gedankliches Modell, das mit dem physikalischen Netz aus Leitungen, Vermittlungsrechnern und Funkstrecken nichts zu tun hat. Das Telefonnetz ist ein Netz, welches aus den gedanklichen direkten Verbindungen zwischen den Telefonierenden besteht. Es setzt auf dem physikalischen Netz auf. Man merkt das daran, daß es dem Telfonierenden egal ist, ob über analoge Hubdrehwähltechnik, ISDN oder drahtlos über Funk telefoniert wird. Das Resultat, ein Gespräch, ist dasselbe.


Die physikalischen Leitungen, Sender, Empfänger, Satelliten, also die ganze Hardware, sind Bestandteil des physikalischen Netzes, das als realer Transportweg für irgendwelche Signale gebaut wurde. Ohne dieses physikalische Netz würde das Telefonnetz nicht funktionieren. Aber, und das ist der Trick, es ist für meine Telefonverbindung - Technikfreaks schreien hier vor virtuellem Schmerz auf - völlig unerheblich, ob ich das physikalische Netz in Analogtechnik mit Handvermittlung oder Hubdrehwähltechnik oder ob ich ISDN oder Breitbandübertragung oder gar Mobilfunk wähle. Es ist sogar im Prinzip unerheblich, ob irgendwo auf der Strecke getrommelt wird. Solange ich am anderen Ende Herrn Müller, Tante Martha oder meinen Schatz höre, hatte ich eine Telefonverbindung (Übermittlung von Nachrichten). Nebenbei bemerkt ist digitale Übertragung nichts anderes als trommeln, nur ein wenig schneller als mit Felltrommeln.

Das Telefonnetz kann also nicht identisch sein mit dem technischen Kram, der unter oder über der Erde installiert ist. Das, was wir als Telefonnetz sehen, ist ein Gedankenmodell mit folgenden Eigenschaften:

Wie das technisch realisiert ist, ob irgendwo getrommelt wird oder ein Satellit steht, ist in der Tat unerheblich.

Gibt es jemanden, der meint, die gerade erwähnten Punkte seien selbstverständlich? Na gut, ich bringe für jeden Punkt ein Gegenbeispiel:

Merksatz: Ein Netz (in unserem Sinne) ist eine Menge von Punkten, die über verschiedene Wege miteinander verbunden sind. Dabei ist über die Natur der Punkte und über die Wege noch nichts ausgesagt.

In der folgenden Tabelle wird dargestellt, was auf den jeweiligen Schichten übertragen wird:
 

Gespräch Information
Telefonnetz Nachrichten
Physikalisches Netz Signale
 

Überträgt man das auf das Computernetz, dann ergeben sich dieselben Probleme wie beim Telefonnetz. Man hat hier ebenfalls zwischen verschiedenen Ebenen (die durch ihre Aufgabenstellungen definiert sind) zu unterscheiden. 


Abbildung 1-2a: Die ISO entwickelte 1983 ein 7-Schichtenmodell, das die einzelnen Aufgaben, die bei einer rechnergesteuerten Kommunikation anfallen, streng definiert. Dieses Modell ist heute Vorbild und Grundlage für weitere Forschungen auf dem Gebiet der Datennetze, wenn es auch nicht immer wortgetreu in die Praxis umgesetzt wird. 


In der untersten Schicht sind die Leitungen und deren Funktionalitäten (mechanische Norm, elektrische/optische Norm, Signalformen) angesiedelt, über die alles läuft. Darüber liegen die Schichten, die sich um die sich um Verbindungen, Zustellung der Datenpakete und den Transport kümmern und noch weiter oben sind die Datenformate und anderes angesiedelt, was der Anwender so zu Gesicht bekommt.

Was Sie zum Beispiel gerade jetzt auf dem Bildschirm sehen, ist die oberste Schicht, die Anwendungsschicht (application layer), hier "World Wide Web". Ob Sie das nun von einer CD-ROM, einer Festplatte, über einen Online-Dienst oder sogar über das Internet auf den Bildschirm bekommen haben, ist dabei gleichgültig.

Sobald Sie diesen Text hier sehen, ist die Aufgabe der Transportschicht (transport layer) zum Beispiel schon längst zu Ende. Falls Sie über einen Online-Anbieter diesen Text lesen, spenden Sie jetzt an Ihren notleidenden Leitungsanbieter.

Internet

Das Internet beispielsweise ist eine Transportschicht (genauer: Schichten 3 und 4 im ISO-OSI-Modell); im Grunde ist sie mit einem Kurierdienst zu vergleichen. Dem Internet ist es völlig egal, was transportiert wird, ob das Bilder, Texte, Dateibits sind oder was auch immer damit dargestellt werden soll. Wie die Post: die weiß ja auch nicht, was sie transportiert. Hauptsache, es kommt heil dort an, wo es hin sollte. Das Internet stellt also den Lastenesel für all die schönen und bunten Dienste dar, die von den Anwendern benutzt werden, also e-mail, news, World Wide Web, und viele mehr.

Für das das gesamte Internet-Umfeld wird ein Vierschichtenmodell benutzt (DoD-Suite; Modell des Departement of Defense der USA).


 
Abbildung 1-2b: Ebenfalls 1983 wurde ein 4-Schichtenmodell vorgestellt, das einem laufenden Experiment (ArpaNet, der Vorläufer des "Internet") den theoretischen Unterbau bereitstellen sollte. Es wurde federführend vom Departement of Defense entwickelt und wird deswegen heute "DoD suite" genannt.   

In den unterschiedlichen Schichten werden Verfahrensvorschriften festgelegt, damit klar ist, wie die Kommunikation und der Anschluß auszusehen hat. Hier eine kleine Tabelle mit einer Auswahl von Protokollen der einzelnen Schichten:
 
 

Anwendungsschicht e-mail (SMTP), World Wide Web (http), news (NNTP)
Transportschicht TCP
Internetschicht IP
Netzschicht Ethernet
 

Ein anderes Protokoll ist SLIP (serial line internet protocol), mit dem man "Internet über eine serielle Schnittstelle machen kann".

online oder was?

online zu sein ist modern, denken Sie? Naja, kommt darauf an, von welcher Warte man es sieht. Schauen wir uns einmal an, woher das kommt und was es heute bedeutet.

Um einen Computer (also die Zentraleinheit aus Prozessor und Speicher) bedienen zu können, benötigt man ein Eingabegerät - üblicherweise eine Tastatur mit Maus - und ein Ausgabegerät - üblicherweise ein Bildschirm. Diese sind über Kabel mit der Zentraleinheit verbunden. Bei einem PC beispielsweise steht meistens alles oder fast alles ziemlich unpraktisch auf einem Tisch herum und nimmt viel Platz weg. Man kann aber die Kabel von Tastatur und Bildschirm auch verlängern, so daß man den PC in einen Schrank stellen kann. Sogar in einen Schrank, der nicht im selben Haus steht. Das geht recht simpel: man schließt den PC an eine Telefonleitung an, das geht mit einem Modem recht einfach. Und man schließt eine Tastatur und einen Bildschirm (das nennt man dann Terminal) ebenfalls an eine Telefonleitung an. Hat man kein Terminal, so kann man aus jedem halbwegs schlauen PC ein ziemlich dummes Terminal machen. Dazu braucht man nur Terminalsoftware. Schon kann man mit so einem Terminal einen Computer bedienen, der irgendwo anders im Hause steht.

Man bedient den Computer nun "online", also über eine Leitung. Das ist schon alles. Aber seien Sie nicht enttäuscht, wir peppen den Begriff gleich noch etwas auf.

Stellen Sie sich nun vor, es handelt sich bei dem Computer gar nicht um Ihren, sondern um den einer Firma, die Ihnen Rechenzeit zur Verfügung stellt. Und auch nicht ausschließlich Ihnen, sondern vielen anderen. Dann haben wir eine klassische Mailbox, wie es sie heute noch vereinzelt gibt. 


Abbildung 1-3: Eine Mailbox ist ein einzelner Knoten, der verschiedene Rechner versorgt. Da eine Mailbox durch ihre Sternstruktur (das ist keine Netzstruktur, sondern ein Sonderfall eines Baumes, einer Hierarchie) eine "Insellösung" darstellt, ist dieses Modell veraltet. Auch Onlineanbieter stellen dieses Modell zur Verfügung. Wenn ein Onlineanbieter also davon spricht, "Internetanbindung" zu liefern, dann ist das nicht ohne weiteres richtig. Die Online-Benutzer bedienen ihre Computer dabei als Terminals. 


Sie haben die Möglichkeit, Daten hin und her zu kopieren, anderen Benutzern eine Nachricht zu hinterlassen (personal message), Sie können direkte Dialoge per Tastatur führen (chatting) und eventuell können Sie irgendwelche Spiele spielen oder sogar richtig auf dem Computer programmieren.

Das ist ein wunderbarer Spaß und so um den Beginn der 80er Jahre waren eine ganze Menge Leute damit beschäftigt, sich so in Ihrer Freizeit zu beschäftigen. Ja, man drehte sogar Hollywoodfilme über das Thema.

Da man einen solchen Computer nur dann bedienen kann, während die Leitung steht (also die Verbindung geschaltet ist), nennt man so einen Zugang (engl.: access) einen online access oder man sagt in unserem Lande kurz: "ich bin online". Das Problem dabei war, und ist es heute nicht minder, daß die benutzte Leitung leider jemand anders gehört. Und der möchte eben Geld für die Nutzung der Leitung. Dabei ist das verwendete Tarifmodell auf Sprachkommunikation zugeschnitten, es existiert ein Zeittakt. Zeitgetaktete Leitungen zur Datenkommunikation zu nutzen, ist aber extrem ungeschickt, vor allem wenn zwischen den einzelnen Datenpaketgruppen längere Pausen entstehen. Deswegen werden im Gegensatz zu zeitgetakteten Sprechleitungen spezielle Datenleitungen entweder nach Volumen (übertragene Anzahl von Bytes) oder nach Kapazität (maximale Anzahl von Bytes pro Zeiteinheit), oftmals nach einer Kombination aus beiden Möglichkeiten berechnet.

Daß das Preis-/Nutzenverhältnis von zeitgetakteten Verbindungen schlecht ist, sieht man schon daran, daß die Verbindung auch dann noch steht, wenn man beispielsweise einen schon übertragenen Text nun lesen möchte. Während man liest, tut man auf der Leitung nämlich nichts. Die verbrauchten Einheiten der trotzdem offenen Verbindung gehen also als reine Spende an die notleidende Firma, der die von Ihnen benutzen Leitungen gehören.

Die Online-Software, die Sie kostenlos in Zeitschriften oder als Briefwurfsendung erhalten, ist die Terminalsoftware für Ihren PC, um den betreffenden Online-Dienst nutzen zu können. So bunt die Programme sind, es sind Terminalprogramme.
 

offline: UUCP...

Man machte sich in den 70er Jahren (damals hatte man noch keine preiswerten Standleitungen) folglich Gedanken darüber, wie man das ganze optimieren könnte. Im Grunde ist die Idee ziemlich simpel: Man sammle all das, was der Anwender haben möchte, übertrage es auf einen Schlag auf dessen Computer, sobald dieser anruft, und danach legen beide wieder auf. Die Leitung wurde dabei nur minimal genutzt, die Kosten sind also gering. Die übertragenen Daten können dann offline (also ohne stehende Verbindung) bearbeitet oder gelesen werden. Bei der nächsten Verbindung werden die neuen Daten dann ausgetauscht: Die bearbeiteten Daten gehen zur Mailbox hin, neue Daten kommen von der Mailbox. So ein System lernen wir im Abschnitt UUCP kennen.

...oder doch lieber online?

Nun könnte man meinen, alles sei in Butter. Die Leitungskosten sind minimal; man hat Zeit, die übertragenen Daten lokal zu bearbeiten und bei der nächsten Verbindung zu übertragen. Tja, aber es wäre ja zu schön um wahr zu sein. Und tatsächlich sind da ein paar Wermutstropfen. Wie soll man denn bitte ohne eine Verbindung "chatten"? Oder ähnliche Dialoge führen? Sehen Sie! Hier liegt das Problem.

Aus diesem Grunde ist die Online-Methode wieder zu neuen Ehren gekommen. Allerdings wird der Profi immer entscheiden, wann er offline und wann er online arbeitet. Und natürlich wird eine hierfür genutzte "Online"-Verbindung nicht über eine zeitgetaktete Leitung laufen, sondern über eine Datenstandleitung. Und das heißt dann nicht mehr "online", sondern "angeschlossen" oder englisch: "connected".

Modem oder ISDN?

Seit einiger Zeit geistert der Begriff ISDN durch aller Munde, aber eine konkrete Erkärung zu erhalten, scheint gar nicht so einfach zu sein.

Allerdings ist es essentiell zu wissen, was man davon hat oder haben möchte, denn sonst steht man am Ende mit einem Modem und einer ISDN-Leitung da und wundert sich, warum das irgendwie nicht so gut geht wie angekündigt.

ISDN (Integrated Services Digital Network) ist, wie der Name schon vermuten läßt, eigentlich so eine Art Computernetz, über das man - rein technisch gesehen - auch telefonieren kann. Aber das kann man doch über das altgewohnte Telefon ja auch, oder?

Wie Radio Eriwan in solchen Fällen stets zu antworten pflegt: Im Prinzip ja, aber...

Schauen wir uns erst einmal die technischen Unterschiede an:

Beim analogen Telefonieren werden die Schallwellen über einen Wandler (Mikrofon) in elektrische Impulse umgewandelt, über eine Drahtleitung transportiert und am Ende wieder einem Wandler (Lautsprecher) zugeführt, durch den sie wieder hörbar werden. Alles in allem simpel, bewährt und ziemlich altmodisch.

Beim digitalen Telefonieren (einer von vielen Varianten des Datentransfers im ISDN) wird die akustische Information digitalisiert, das heißt, die "Auslenkung" der Schallwellen wird pro Zeiteinheit abgetastet und in eine Zahl umgewandelt. Die Zahl entspricht dabei dieser "Auslenkung". Die Experten werden gebeten, hier einfach wegzuhören.

Nun werden diese Zahlen in digitaler Form übertragen, wobei es völlig egal ist, ob das über einen Draht, über ein Glasfaserkabel oder über Satellit geht. Am Ende wird die digitale Information wieder in einen Ton umgewandelt, indem dieser einfach anhand der verabredeten Vorschrift wieder als Schallwelle neu erzeugt wird.

Bei analoger Übertragung hört man also praktisch die echte Schallinformation, bei digitaler Übertragung wird der Schall anhand der übertragenen "Vorschrift" im Endgerät neu erzeugt. Oder anders gesagt, analoge Übertragung ist die Zusendung des Originalorchesters, digitale Übertragung ist das Zusenden der Partitur an das eigene Orchester.

Das schöne an digitaler Übertragung ist nun, daß es völlig egal ist, was man überträgt, denn es wird ja alles in diese digitale Form übersetzt und transportiert; erst am Empfangsende wird aus dem digitalen Signal anhand der Vorschrift, die Sender und Empfänger vorher vereinbart haben (zum Beispiel, indem beide ein Telefon verwenden), eine Kopie des Ausgangssignals erzeugt . Wenn Sie jetzt fragen, was man davon denn eigentlich hat, ist die Antwort sehr einfach: Man kann plötzlich auf simple Weise viele Dinge nutzen, die in der Analogtechnik zwar auch möglich, aber ungleich teurer wären. Beispielsweise können Sie die Telefonnummer eines Anrufers sehen, genauso wie Sie beim Musikhören die Informationen über den Sender oder einen gespielten Titel im digitalen Radio sehen können. Und, was Sie später als Datennetznutzer auch interessieren wird, es erhöht sich auch die Datenübertragungsrate. Und der Verbindungsaufbau geht wesentlich schneller als bei analoger Technik. Und, und, und.

Ein Modem dagegen verwandelt die digitalen Signale des Computers in "Töne"; das ist das Kreischen, während ein Modem mit einem anderen die Verbindung aushandelt. Diese Töne können über das analoge Telefonnetz übertragen werden. Am anderen Ende wandelt das Modem der Gegenstelle die "Töne" wieder in digitale Computersignale um. Dieses "modulieren und demodulieren" gab dem Gerät den Namen: Modulator-Demodulator, Modem.

Die physikalisch theoretisch größte Übertragungsrate, die auf unseren analogen Leitungen möglich ist, bewegt sich so um die 30.000 Bit pro Sekunde. Mit den neueren Modems, die mit 28.800 Bit pro Sekunde übertragen ist man also in der Praxis fast an diese Grenze herangerückt. Schneller geht es einfach nicht. Das ist so wie bei allen Leitungen. Irgendwo ist die Obergrenze erreicht, also die Kapazität der Leitung erschöpft. 56kb-Modems benutzen einen Trick, um diese Grenze zu überschreiten. Dazu müssen aber mehrere Vorbedingungen erfüllt sein, damit es klappt (nur eine analog/digital-Wandlung auf der Strecke, der Partner hat
ISDN und das andere Modem muß denselben Standard unterstützen).

Soll man noch Modems benutzen? Wann lohnt sich ISDN?

Ganz klare Antworten: Modem - Nein. ISDN - Ja.

Wenn Sie schon länger Datenfernübertragung nutzen und ein Modem besitzen, dann können Sie sicherlich noch eine Weile damit zurecht kommen. Aber mittelfristig werden Sie nicht umhinkommen, den Schritt ins digitale Zeitalter mitzumachen. Schon alleine deswegen, weil die zu übertragenden Datenmengen einfach eine Größenordnung erreichen, die analog nicht mehr handhabbar sind. Ob man das möchte oder nicht.

Die Rechnung ist sehr einfach: Wenn Sie bisher nur ein Telefon hatten und damit auch nur telefonierten, dann haben Sie noch etwas Zeit. In allen anderen Fällen lohnt sich ISDN auf jeden Fall.

Und welches Gerät benötigen Sie nun? Ganz einfach:
 

analoger Telefonanschluß PC + Modem
ISDN-Anschluß PC + ISDN-Karte
Leider gibt es die Telekomförderung für ISDN-Anschlüsse nicht mehr. Aber dennoch, sollten Sie noch kein ISDN besitzen, wäre jetzt der Zeitpunkt, das Buch wegzulegen und einen Anschluß zu bestellen. Denn wenn Sie das, was wir in diesem Buche besprechen, auch nur in einigermaßen befriedigender Weise nutzen wollen, dann vergessen Sie analoge Leitungen und Modems. Das ist antike Technik für Hobbyisten, aber nichts für ein modernes Mitglied der Informationsgesellschaft. Und das wollen Sie ja sein, oder?

Früher war alles einfacher: UUCP

Es gab einmal eine Zeit, da wollte man gerne lokale Rechnernetze mit anderen verbinden, aber es gab noch kaum oder zu viel zu hohen Preisen entsprechende Leitungen. Man musste sich also mit dem begnügen, was da war. Und das waren analoge Telefonleitungen. Es wurden also Modems an die Rechner gestöpselt, die Software entsprechend hingebogen und ein kleines, aber feines Netz entstand. Vor allem Universitäten nutzten vor allem in den USA diese billige Methode, Daten zwischen Instituten oder den einzelnen Unis selbst auszutauschen. Und in Universitäten fallen haufenweise Daten an, die man übertragen muß.

Das System war so einfach wie brilliant: Der Rechner mit dem Modem samelte alle Dateien, die irgendwelche Benutzer im lokalen Netz nach außen verschicken wollten, machte sie versandfertig und nahm zu vorbestimmten Zeiten, zum Beispiel einmal täglich um Mitternacht (oder auch öfters) Kontakt mit den benachbarten Rechnern auf und sendete alle Daten dorthin. Im Gegenzug erhielt er alle Dateien, die für sein lokales Netz bestimmt waren. Nach Beendigung der Verbindung wurden die empfangenen Dateien an die lokalen Stellen verteilt, für die sie bestimmt waren und danach wiederholte sich das Spiel.

Die dazu nötige Software war nicht sehr aufwendig, aber sie war in ihrer Verhaltensweise gut durchdacht. Kein Wunder, wenn man so etwas an einer Universität einsetzt, dann sollte es das auch sein. Allerdings sagt man bei Computern nicht "Verhaltensweise", sondern ganz vornehm "Protokoll". Das neue Protokoll entwickelte sich schnell zu einem Renner und wurde hie und da mit weiteren Funktionen erweitert. Als Name wurde die Bezeichnung UUCP eingeführt. Sie stammt von "unix-to-unix-copy"; und man sieht sofort, wo die Wiege des Protokolls stand: Im Betriebssystem Unix.

UUCP ist somit ein Protokoll, daß für den Transport von Dateien zuständig ist. Dabei ist es völlig unerheblich, ob es sich bei den Dateien um Programme oder Texte handelt. Man kann damit also beispielsweise "normale" Dateien, e-mail oder Newsartikel transportieren. Und genau das wurde und wird damit auch heute noch gemacht.

Inzwischen gibt es UUCP-Software für alle möglichen Betriebssysteme. Zwar wurden solche Softwarepakete in der letzten Zeit etwas verdrängt durch den Boom auf Onlinedienste, aber sie erleben jedesmal wieder eine Neubelebung, wenn ein Anwender endlich merkt, wieviel Geld mit diesem Protokoll gespart werden kann.

UUCP-Software ist jedoch nicht ganz trivial, weder in ihrem Umfange noch in ihrer Installation. Das heißt, Sie müssen schon ein wenig von der Materie verstehen, um ganz ohne Hilfe so ein Programmpaket auf Ihrem Rechner einzurichten.

Ist die Software einmal - richtig - installiert, so ist die Benutzung hingegen so einfach, daß Sie ihre Gegenwart nicht einmal mehr bemerken.

1983, die Neuzeit bricht an: TCP/IP

Das Jahr der großen Wende in der Computerkommunikation war 1983. In diesem Jahr war nicht nur ein theoretisches, ästhetisch anmutendes Modell entstanden, das die Rechnerkommunikation revolutionieren sollte (das ISO-OSI-7-Schichtenmodell [1]), sondern auch eine für die Praxis anwendbare Protokollfamile, TCP/IP ([1,2], die leider noch nichts von der vollen Schönheit des OSI-Modells wußte. Diesem schicksalhaften Umstand hat die Rechnerkommunikation zu verdanken, daß die Theoretiker teils händeringend, teils naserümpfend auf das schauen, was die Praktiker in ihrer kindlichen Naivität so an Kommunikationssoftware implementieren, und daß die Praktiker völlig unbelastet von irgendwelchen Theoreien einfach drauflos implementieren, bis es halt halbwegs "funzt" (übersetzt heißt das: toll funktioniert). Und den Theoretikern höhnisch grinsend die theoretische Beschreibung dafür überlassen.

Damit aber auch die theoretisch-wissenschaftliche Welt mit TCP/IP umgehen konnte, propfte man nachträglich ein etwas abgespecktes Schichtenmodell mit vier Schichten darüber und so bekam auch die praktische Lösung, etwas verspätet zwar, aber immerhin, überhaupt einen theoretischen Unterbau und darf sich seit diesem Zeitpunkt auch zu den Verwandten des OSI-Modells zählen.

Damit das Ganze, das wir uns gleich etwas näher ansehen wollen, überhaupt funktionieren kann, werden aber andere Leitungen als die altbackenen analogen Wählleitungen benötigt. Da die Rechner ununterbrochen (oder zumindest bei Bedarf sofort) miteinander plappern können, müssen die Leitungen schon "stehen", also geschaltet sein. Solche Leitungen nennt man Standleitungen. Die kann jeder kriegen. Wenn Sie zum Beispiel mit Ihrer oder Ihrem Angebeteten ohne die Einschränkung eines schnöden Zeittaktes miteinander plaudern wollen, können auch Sie so etwas bestellen. Es kostet zur Zeit (1996/97) ab ca. 250 DM per Monat, egal wie lange oder wieviel sie plaudern. Allerdings sind Sie dann nur mit einem festen Partner verbunden (zumindest technisch gesehen). Für Vieltelefonierer oder für Stellen, die viel Daten übertragen müssen, kann sowas schon mal rentabel sein.

Grundlage der Kommunikation: Schichtenmodell

Aber zurück zu den Schichtenmodellen. Zwar sollen Sie hier nicht mit überflüssigem theoretischen Ballast gequält werden, aber ein wenig müssen Sie schon darüber Bescheid wissen, wie es geht. Nur dann sind die folgenden Abschnitte leicht verständlich. Ich mache es aber schmerzlos.

Stellen Sie sich vor, Sie sind der Big Boss in einer Firma. Ohne Computer (das ist für die Erklärung nötig). Und Sie möchten mit einem anderen Big Boss Nachrichten austauschen. Beispielsweise wollen Sie Ihrem Kollegen oder Ihrer Kollegin (der Name sei hier Müller) eine Nachricht über ein bevorstehendes Geschäftsessen zukommen lassen. Da Sie viel Arbeit haben, werden Sie die Maschinerie benutzen, die die Firma Ihnen zu diesem Zwecke gestellt hat. Sie notieren also auf einem Zettel oder auf einem Band: "Essen mit Müller, Freitag, 13 Uhr, im 'Cordon Bleu'". Diesen und die folgenden Voränge wollen wir uns in einer Übersicht ansehen: 


Abbildung 1-4: Wenn der linke Chef dem rechten Chef eine Nachricht zukommen lassen will, so übergibt er seinem Schreibbüro die Nachricht in Rohform (als Notiz). Dort wird die Nachricht in eine vorgegeben Form gebracht, eine formale Adresse hinzugefügt und in einen Umschlag gepackt. Dieser Umschlag wird der Postabteilung übergeben, die ihrerseits keien Ahnung vom Inhalt hat und nur anhand der Verwaltungsinformation auf dem Umschlag arbeitet. Die Postabteilung versieht den Umschlag mit weiteren Eigenschaften, zum Beispiel einer weiteren Adresse, und bringt ihn zu einem Kurierdienst. Dieser wiederum transportiert den Brief mit vielen anderen zu der Niederlassung des rechten Chefs und übergibt nun die Sendung der empfangenden Postabteilung. Diese sortiert irgendwann den Brief wieder aus und schickt in an das Büro des rechten Chefs. Dieses Büro entfernt den Umschlag und übergibt dem rechten Chef die Nachricht, eventuell gar nicht in Papierform, sondern als gekürzte Notiz oder mündlich. Das Durchlaufen der verschiedenen Schichten von oben nach unten (beim Sender) und von unten nach oben (beim Empfänger) hat dieser Schichtenansicht die Bezeichnung "Protokollstack" eingebracht. Die Nachrichten oder Daten durchlaufen daher den Protokollstack. 


Als Gedankenmodell reicht es aus, daß die Nachricht "abgeschickt" wurde. In Wirklichkeit wurde eine komplizierte Maschine angeworfen, die Nachricht ging durch viele Hände, wurde umformuliert, ergänzt durch Verwaltungsinformation, eingetütet, nochmal eingetütet, kurz: bis die Nachricht zum eigentlichen Versand kam, mußte sie viele Arbeitsgänge passieren. Jeder Bereich hatte seine spezifischen Aufgaben zu erfüllen und hing von der zuverlässigen Arbeit der darüberliegenden (Absenderstelle) oder darunterliegenden (Empfängerstelle) Schicht ab. Am Ende erreichte die Nachricht wieder einen Chef. Und das Wunder dabei: Beide Chefs sind nun der Meinung, sie hätten direkt miteinander kommuniziert, da sie nicht nur nichts von den anderen Schichten wissen wollen (das würde sie in ihrer ihnen eigenen Arbeit stören), sondern wahrscheinlich auch wirklich nichts davon wußten (zumindest in allen Details). Letzteren Punkt nennt man transparent, hier: benutzertransparent. Ein komisches Wort, denn es bedeutet, daß der Benutzer (hier: Chef) keine Ahnung hat, welchen Weg oder welche Form die Nachricht wirklich (an)nimmt; aber das ist auch (für die Kommunikation selbst) nicht nötig. Und das ist das Entscheidende: Jede Schicht denkt so! Jede Schicht denkt, sie kommuniziere nur mit derselben Schicht auf der anderen Seite, zum Beispiel denkt die Postabteilung des Empfängers, die Post käme aus der Postabteilung des Absenders. Was ja auch - im Prinzip - richtig ist. Daß die Nachricht aber eben nicht direkt innerhalb einer Schicht übertragen wurde, sondern daß die Nachricht von der Schicht des Chefs bis zum eigentlichen Kurierdienst und beim Empfänger wieder alle Schichten nach oben hin durchlaufen hat, das weiß nur derjenige in allen Details, der dieses System eingerichtet hat.

Wenn eine Schicht "denkt" (und es nebenbei auch so denken soll), daß sie nur mit einer gleichen Schicht auf der anderen Seite kommuniziert, dann heißt das peer-level-communication. Peer heißt nicht nur der adelige Lord, der kraft Geburt Abgeordneter im Britischen Oberhaus (House of Lords) ist, es heißt auch "Gleicher". Somit ist "peer-level-communication" eine Kommunikation unter Gleichen. Und es sei hier und jetzt festgestellt, daß eine andere als die Kommunikation unter Gleichen auch gar nicht stattfinden kann (denn wer informiert seinen Chef oder seine Angestellten schon umfassend und uneingeschränkt?).

Nun übertragen Sie das einfach auf Computer, und es wird schnell klar, daß jede Schicht (relaisiert durch entsprechende Soft- oder Hardware) bestimmte Aufgaben zu erledigen hat und nach deren Erledigung diese an eine andere Schicht weiterreicht. Der eigentliche Transport der Daten findet dann über physikalische Leitungen (Kupfer oder Glasfaser) oder über elektromagnetische Wellen (Funk) statt. 


Abbildung 1-5: Physikalische Leitungen sind die Basis für Kommunikation jeder Art. Der Transport einer Nachricht ist immer ein energetischer Vorgang. Das Speichern hingegen immer ein materieller Vorgang. Auf der physikalischen Ebene findet stets der reale Transport statt. Es lohnt sich aber, in der Theorie von einer anderen Art der Kommunikation zu sprechen. Die Realisierung wird dadurch vereinfacht, weil man die Aufgaben sauber trennt und einzeln und unabhängig voneinander bearbeiten kann. 


Wenn man nun viele lokale Rechnernetze mittels Standleitungen (und womöglich noch mit einer gemeinsamen Protokollfamile) verbindet, spricht man von internetworking, also vom Verkehr einzelner Netze untereinander. Da genau das bei diesem einen Netz passiert, also viele lokale Netze untereinander verbunden sind, und das auch noch weltweit, spricht man hier kurz von dem Internet (nun groß geschrieben).

Das Internet ist also, ähnlich wie schon UUCP, eine Vernetzung vieler lokaler Rechnernetze, nun aber nicht über Wählleitungen, sondern über Standleitungen. Und genau wie UUCP ist "das Internet" ein Transportnetz, das irgendwelche Daten überträgt, ähnlich wie ein Kurierdienst Briefe oder Pakete befördert, ohne sich um deren Inhalt zu kümmern.

Das Internet ist als nur Transportschicht für andere Netze, zum Beispiel News-Netze wie das "Usenet" oder Multimedianetze wie das "World Wide Web" [1]. Wenn also irgendjemand von den "problematischen Inhalten des Internet" redet, zeigt diese Person nur, daß sie von der Materie keine Ahnung hat oder sein Gegenüber blenden will. Inhalte finden sich ausschließlich in der Anwendungsschicht.

Die Protokollfamilie TCP/IP ist - wie alle Netze - so gestaltet, daß sie örtliche Störungen umgehen kann. Das begründet sich in der Tatsache, daß der "Erfinder" des Netzes das amerikanische Militär war. Und diese Einrichtung wollte natürlich ausfallsichere Kommunikation. "Ausfallsicher" heißt hier, wenn ein Knoten oder eine Leitung zerstört wird, solle das Netz trotzdem weiter funktionieren. Das Internet hat also die Eigenschaft, Störungen selbständig zu umgehen. Dabei ist es unerheblich, worauf diese Störungen beruhen.

Auch administrative Einschränkungen (per Gesetz oder Willkür) wie Sperren von Netzrechnern oder Netzdiensten sind solche Störungen und können vom Netz oft sehr schnell kompensiert werden.

Wenn jemand also eine "Kontrolle" des Internet fordert, zeigt auch diese Person ihre Unkenntnis der Sachlage.
 

 
   


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